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Lokales

Die Albatrosse von Pankow (Gastbeitrag)

Ein Vormittag in der Therapeutischen Beschäftigungstagesstätte Albatros Social in Pankow, die im Juni ihr 30-jähriges Bestehen feiert.

Von Aura Cumita | 9. Juni 2026
Die Albatrosse von Pankow (Gastbeitrag) © Markus Lehmann
Symbolbild

Er spricht von seiner Doktorarbeit – seine Augen schimmern. Über von Geburt an verzerrte Knochen des Gesichts hat er geschrieben – darüber, was geschieht, wenn Mimik versagt, bevor sie beginnt. Mit Stolz erzählt er von seiner Doktormutter. Er lächelt – ein melancholisches Lächeln – und blickt in die Ferne, als läge dort etwas, das er für immer verloren hat. Er heißt Andreas.

Die Alleen des Schlossparks sind matschig. Die Luft ist klamm und kalt. An diesem ruhigen Dienstagmorgen Ende Februar ist der Bach zu hören. Wer von der Schlossallee abbiegt, erreicht bald die Therapeutische Beschäftigungstagesstätte Pankow von albatros.social, die im Juni ihr 30. Jubiläum feiert. Ein gelb-rotes Haus in einer kleinen Seitengasse. Die Räume sind groß und hell.

Gegen 9 Uhr kommen die ersten Nutzenden zum Frühstück. Susanne trägt ein Kleid mit floralem Muster, ein angenehmes Parfüm liegt in der Luft. Gemeinsam mit Andreas bereiten sie Kaffee vor, decken den Tisch und stellen Teller und Besteck bereit. Thorsten checkt noch einmal die Liste, wer sich mit wie viel Brot eingetragen hat, dann schiebt er es sorgfältig in den Ofen. Manche bringen Essen von zu Hause mit. Nach und nach setzen sich alle an den langen Tisch. Über ihn spannt sich ein großer Ast, mit Papierblüten dekoriert.

Simone Mai, Sozialarbeiterin in der Beschäftigungstagesstätte, wirkt sehr bedacht. Sie spricht mit Freude – und gleichzeitig mit einer Reflektiertheit, die zeigt, dass sie jeden Satz schon oft gedacht hat. „Es braucht Mut, hierherzukommen, sich darauf einzulassen“, sagt sie. „Denn Gemeinschaft ist keine Selbstverständlichkeit.“ Eine Nutzerin habe ein ganzes Jahr gebraucht, um den Schritt in eine neue Gruppe zu wagen.

Auf einer großen Tafel im Gemeinschaftsraum steht der Plan der Woche: Kochen, Holzarbeit, kreatives Schreiben, Tanzen, Intuitives Malen, Theater, Yoga, Gedächtnistraining und noch mehr. Gesprächsgruppen und Gespräche zur Entlastung und Ausflüge werden ebenfalls angeboten.

Nach dem Frühstück verteilen sich die Nutzenden. Andreas geht in die Holzwerkstatt.

Was dich erwartet

Stille und Leinöl

Andreas ist Arzt. Er ist in Thorn geboren, der Stadt von Kopernikus, wie er sagt. Er studierte in Bromberg, lebte neun Jahre mit seinem Mann in Philadelphia. „Dort sind die Menschen unternehmerischer“, erzählt er. „Wenn jemand sagte: Lass uns etwas machen, dann haben wir es einfach gemacht.“ Er hält kurz inne. „Angekommen war ich schon. Aber es war kompliziert, sich dort niederzulassen.“

In der Holzwerkstatt, die im Gebäude gegenüber untergebracht ist, herrscht Stille – schwer vom Geruch des Leinöls. Andreas baut eine Gartenbank. Heute wird sie gebeizt. Mit leicht zitternden Händen wischt er überschüssiges Öl vom Holz – langsam, konzentriert, als gäbe es nichts anderes. Ein Dutzend Latten liegt vor ihm. Ab und zu erzählt er einen sozialistischen Witz. Die anderen verstehen ihn nicht direkt. Er lächelt: „So sind eben sozialistische Witze.“

Er macht eine kurze Pause, bis der Raum luftiger wird. Er und Karl gehen raus und unterhalten sich vor der Holzwerkstatt. Karl spricht offen – über sich selbst, über seine Krankheit, über den langen Weg, den es gebraucht hat, um an diesen Punkt zu kommen. Man merkt, die Zufriedenheit, die er heute ausstrahlt, ist erkämpft. „Ich hatte viele Schwierigkeiten. Ich hatte nicht mal eine Wohnung“, sagt er. „Das St. Joseph Krankenhaus hat mein Leben gerettet. Dann fand ich eine WG und die Tagesstätte. Jetzt geht’s mir gut.“ Die beiden sprechen ruhig weiter, vertraut. Sie tauschen sich über Medikamente aus – selbstverständlich, fast routiniert.

„Die allermeisten Menschen brauchen Struktur“, sagt Simone Mai. „Sie gibt Halt. Sonst würde vieles im Chaos enden. Wenn ich bei jedem Schritt überlegen müsste, was ich als Nächstes mache…“ Sie hat früher mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Hier, mit Erwachsenen, sei vieles anders. Die Gespräche tiefer, die Geschichten länger.

Simone Mai formuliert: Die Nutzenden der Tagesstätte gehen mit Individualität und Besonderheiten sensibler um als die meisten anderen Menschen.

Die schmale Brücke

Im Kreativraum geht es nicht um Pläne, sondern um Intuition. Hier arbeiten heute drei Teilnehmerinnen an ihren Bildern – jede steht vor einer großen Holzplatte, auf der das Malpapier klebt. Auch die Kreativtherapeutin malt mit. Die Arbeit ist still, nach innen gerichtet.

Rainer fällt auf: weiße, lockige Haare, ein ruhiges Gesicht, eine leise, aber deutlich betonte Sprechweise. Er hat Sozialwissenschaften studiert. „Ich habe mit den ärmsten der Armen gearbeitet“, sagt er, „mit drogenabhängigen Jugendlichen.“ Die Erfahrungen hätten ihn sehr erschüttert.

Nach dem Malen sprechen sie über ihre Bilder – darüber, wie es ihnen beim Malen ergangen ist, was entstanden ist, was sich gezeigt hat. Rainers Bild ist fast vollständig rot und erinnert an einen japanischen Holzschnitt. Andere Bilder wirken wild oder geheimnisvoll – es sind innere Landschaften.

In Rainers rotem Bild entstehen Schatten und Licht. Eine Hütte, Bäume, Menschen – und eine schmale Brücke: „Gefährlich zu überqueren“, sagt er, „für manche Kulturen eine Selbstverständlichkeit.“ Er spricht von Japan. Von Ruhe. Von Stille. Von Betreuung, die sich an den Menschen orientiert.

Die Gruppe löst sich nach dem Austausch auf. Rainer geht durch die Küche – voller Aktion, voller Stimmen – weiter auf den Balkon. Er unterhält sich mit zwei anderen Nutzenden, darunter Franz. Der erzählt von einer kleinen Meinungsverschiedenheit in der Küche und schüttelt leicht den Kopf. Rainer hört aufmerksam und verständnisvoll zu.

Für 25 Personen

Im Vergleich zu den anderen Gruppen wirkt die Kochgruppe energisch und praktisch. Es wird geredet, geschnitten, gerührt. In der Küche wird auch über Buckelwale gesprochen – darüber, wie sehr die Menschen darauf bedacht sind, sie zu retten. Ein kleines Aquarium in der Ecke ist der Anlass dafür.

Petra kommt seit einem Jahr dreimal pro Woche. In der Kochgruppe arbeitet sie schnell, mit kurzen Bewegungen. Sie spricht laut und sicher. Ihre tiefe Stimme trägt durch die Küche.

Franz schält Zwiebeln. Die Tränen kommen ihm nicht in die Augen; er ist daran gewöhnt. Er mag Eulen, sagt er, denn er habe gehört, sie seien gute therapeutische Tiere. Thorsten steht auch am Tisch und schält Kartoffeln. Er ist ein stiller Mensch, der mehr beobachtet als spricht. Einer, der beisteht.

Viele Jahre sang Petra in einem Pop-Chor. „Ich habe Anspruch an mich selbst“, sagt sie. „Ich will auftreten und mit Freude singen.“ Sie hat in einen neuen Chor gewechselt. Dort wurde eine Altstimme gesucht – und die hat sie.

Ob sie die Bezeichnung „psychische Krankheit“ störe? „Man muss heute offen sein“, sagt sie. „Früher war das schwer.“ Thorsten zuckt mit den Schultern. Kürzlich hat er eine neue Bewilligung für die Tagesstätte bekommen. Er hat sich gefreut. Das sieht man ihm an.

Die Kochgruppe hat heute für 25 Personen gekocht – für Nutzende und Mitarbeitende zugleich. Sie essen gemeinsam.

Albatrosse sind Vögel der Luft. Sie können tagelang über dem Meer fliegen. Hier sitzen sie an einem langen Tisch. Vielleicht ist das der Unterschied: Draußen muss man fliegen. Hier darf man landen.

Was ist eine Beschäftigungstagesstätte?

Eine Beschäftigungstagesstätte ist ein Angebot der Eingliederungshilfe für Menschen in psychisch belastenden Lebenssituationen. Sie bietet Struktur, Gemeinschaft und Unterstützung im Alltag. Die Nutzenden kommen regelmäßig drei bis fünf Tage pro Woche. Ziel ist es, Stabilität zu fördern, Isolation zu vermeiden und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu stärken.

Namen sind zum Schutz der Personen geändert.

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Aura Cumita
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