Kein anderer Berliner Bezirk hat im 20. Jahrhundert so viele prägende Köpfe an einem Ort versammelt wie Pankow. In Prenzlauer Berg wohnte über fünfzig Jahre lang Käthe Kollwitz, in Weißensee entstand vor Babelsberg das erste deutsche Filmgelände, und im abgeriegelten Niederschönhausen residierte nach 1949 die komplette Spitze der DDR neben den Dichtern und Komponisten, die der junge Staat aus dem Westen zurückgeholt hatte.
Diese Liste folgt den Spuren von Menschen, die in Pankow geboren wurden, hier lebten oder den Bezirk durch ihr Werk geprägt haben. Sie reicht von einer Künstlerin, deren Name heute einen ganzen Platz trägt, über die Bewohner des Majakowskirings bis zu einer Schauspielerin, die am Pankower Gymnasium ihr Abitur machte. Gemeinsam ist ihnen ein konkreter Ort im Bezirk: eine Wohnung, eine Gedenktafel, ein Atelier, ein Grab.
1. Käthe Kollwitz

- Lebensdaten: 1867 bis 1945
- Funktion: Malerin, Grafikerin und Bildhauerin
- Pankow-Bezug: wohnte ab 1891 über fünfzig Jahre in der Weißenburger Straße 25 (heute Kollwitzstraße) in Prenzlauer Berg
- Spuren heute: Kollwitzplatz, Kollwitzstraße und ein Denkmal erinnern an sie
Käthe Kollwitz zog 1891 mit ihrem Mann Karl, einem Arzt, in eine Wohnung an der damaligen Weißenburger Straße im heutigen Prenzlauer Berg. Durch die Praxis ihres Mannes im Norden Berlins kam sie täglich mit Armut und Krankheit in Berührung, ein Eindruck, der ihr ganzes künstlerisches Werk prägte.1
Mehr als ein halbes Jahrhundert blieb die Wohnung am Wörther Platz das Zentrum ihres Lebens, bis sie 1943 ausgebombt wurde. Nach ihrem Tod benannte der Bezirk 1947 die Straße und den Platz nach ihr, so dass ihr Name heute zum festen Bestandteil von Prenzlauer Berg gehört.
2. Joe May

- Lebensdaten: 1880 bis 1954
- Funktion: Filmregisseur und Produzent der Stummfilmzeit
- Pankow-Bezug: baute ab den 1910er Jahren in Weißensee große Filmateliers auf
- Bekannt für: Monumentalfilme wie Die Herrin der Welt und Das indische Grabmal
Joe May gehörte zu den einflussreichsten Filmemachern des frühen deutschen Kinos. In Berlin-Weißensee, das damals als eigenständiger Ort nördlich der Stadt lag, errichtete er ein Filmatelier, in dem zwischen 1913 und 1928 zahlreiche aufwendige Produktionen entstanden.2
Weißensee galt in dieser Zeit als Klein-Hollywood und war neben Babelsberg der wichtigste Produktionsort der Branche. Mit mehrteiligen Sensationsfilmen und ersten Monumentalwerken legte May hier den Grundstein für eine Filmgeschichte, an die im heutigen Bezirk Pankow Stelen und Gedenktafeln erinnern.
3. Wilhelm Pieck

- Lebensdaten: 1876 bis 1960
- Funktion: einziger Präsident der DDR
- Pankow-Bezug: wohnte ab 1945 bis zu seinem Tod am Majakowskiring 29 in Niederschönhausen
- Spuren heute: seine Villa beherbergt eine Ausstellung zum Städtchen
Wilhelm Pieck war von 1949 bis 1960 das einzige Staatsoberhaupt, das die DDR je hatte. Schon 1945 bezog er eine Villa am Majakowskiring in Niederschönhausen, die später zum Kern des abgeriegelten Regierungsviertels wurde, das die Pankower bald nur das Städtchen nannten.3
Um Pieck siedelten sich nach 1949 die übrigen Spitzenfunktionäre an, der Bereich wurde eingezäunt und bewacht. In seiner ehemaligen Dienstvilla informiert heute eine Ausstellung über die Geschichte dieses ungewöhnlichen Wohnquartiers und seiner prominenten Bewohner.
4. Johannes R. Becher

- Lebensdaten: 1891 bis 1958
- Funktion: Schriftsteller und erster Kulturminister der DDR
- Pankow-Bezug: wohnte von 1945 bis 1958 am Majakowskiring 34 in Niederschönhausen
- Bekannt für: den Text der DDR-Nationalhymne Auferstanden aus Ruinen
Johannes R. Becher kehrte 1945 aus dem Moskauer Exil zurück und bezog ein Haus am Majakowskiring in Niederschönhausen, in dem er bis zu seinem Tod lebte. Als Präsident des Kulturbundes und ab 1954 als erster Kulturminister der DDR prägte er maßgeblich das kulturelle Leben des jungen Staates.4
Seinen wohl bekanntesten Text schrieb er 1949, als er die Worte der Nationalhymne verfasste, die Hanns Eisler vertonte. Eine Gedenktafel am Majakowskiring 34 erinnert heute an die Jahre, die der Dichter in Pankow verbrachte.
5. Hanns Eisler

- Lebensdaten: 1898 bis 1962
- Funktion: Komponist
- Pankow-Bezug: wohnte von 1950 bis 1962 in Niederschönhausen
- Bekannt für: die Melodie der DDR-Nationalhymne
Hanns Eisler, ein Schüler Arnold Schönbergs, kehrte 1950 nach Jahren im Exil und in der McCarthy-Ära nach Deutschland zurück und ließ sich in Niederschönhausen nieder. In Pankow lebte er bis zu seinem Tod, eine Bronzetafel markiert die Stelle seines Wohnhauses.5
Bekannt wurde Eisler weit über die DDR hinaus durch seine Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht und durch seine Filmmusiken. In Pankow komponierte er Ende 1949 in wenigen Tagen die Melodie zur Nationalhymne, deren Text von seinem Nachbarn Johannes R. Becher stammte.
6. Arnold Zweig
- Lebensdaten: 1887 bis 1968
- Funktion: Schriftsteller
- Pankow-Bezug: wohnte von 1950 bis 1968 in der Homeyerstraße 13 in Niederschönhausen
- Bekannt für: den Roman Der Streit um den Sergeanten Grischa
Arnold Zweig zog 1950 in die Homeyerstraße in Niederschönhausen, die zur sogenannten Erich-Weinert-Siedlung gehörte. Diese Intelligenzsiedlung war eigens angelegt worden, um Künstler und Schriftsteller aus dem Westen in die junge DDR zu holen.6
In dem Haus arbeitete Zweig, dessen Antikriegsroman Der Streit um den Sergeanten Grischa Weltruhm erlangt hatte, bis zu seinem Tod 1968. Eine Gedenktafel erinnert an ihn, und die benachbarte Straße trägt heute den Namen seiner Frau Beatrice Zweig.
7. Ernst Busch

- Lebensdaten: 1900 bis 1980
- Funktion: Schauspieler und Sänger
- Pankow-Bezug: wohnte ab 1951 in Pankow, ab 1966 bis zu seinem Tod in der Leonhard-Frank-Straße 11
- Spuren heute: Gedenkstätte und Stele in Niederschönhausen
Ernst Busch war als Sänger der Arbeiterlieder und als Schauspieler eine der bekanntesten Bühnenfiguren der DDR. Ab 1951 lebte er in Pankow, zunächst in der Heinrich-Mann-Straße, später bis zu seinem Tod 1980 in der Leonhard-Frank-Straße in Niederschönhausen.7
Sein Wohnhaus richtete die Akademie der Künste 1981 als Gedenkstätte ein, in der seine Witwe seinen Nachlass betreute. Vor dem nahen Friedhof erinnert eine Stele mit einem Relief an den Künstler, der dem Bezirk bis heute eng verbunden bleibt.
8. Walter Ulbricht

- Lebensdaten: 1893 bis 1973
- Funktion: SED-Chef und Staatsratsvorsitzender der DDR
- Pankow-Bezug: wohnte am Majakowskiring 28/30 in Niederschönhausen
- Spuren heute: seine Villa wurde 1975 abgerissen
Walter Ulbricht war über zwei Jahrzehnte der mächtigste Mann der DDR und lebte wie die übrige Staatsführung im abgeriegelten Städtchen am Majakowskiring. Sein Name wurde im Westen so sehr mit dem Ortsteil verknüpft, dass Pankow zeitweise als Synonym für die ganze DDR-Regierung galt.8
Nach Ulbrichts Entmachtung durch Erich Honecker und seinem Tod 1973 wurde seine Villa am Majakowskiring 1975 abgerissen, um die Erinnerung an ihn zu tilgen. Der Bogen vom Sonderzug nach Pankow bis zum verschwundenen Wohnhaus zeigt, wie stark der Ortsteil mit der Geschichte der DDR verwoben ist.
9. Erwin Geschonneck

- Lebensdaten: 1906 bis 2008
- Funktion: Schauspieler
- Pankow-Bezug: wohnte in der Homeyerstraße in Niederschönhausen
- Bekannt für: DEFA-Filme wie Jakob der Lügner und Nackt unter Wölfen
Erwin Geschonneck zählte zu den bekanntesten Schauspielern der DDR und lebte in der Homeyerstraße im Dichterviertel von Niederschönhausen. Mit seinen markanten Rollen prägte er das Profil der DEFA über Jahrzehnte.9
In Filmen wie Jakob der Lügner, Nackt unter Wölfen und Karbid und Sauerampfer schuf er Figuren, die bis heute zum Kanon des ostdeutschen Films gehören. Bis ins hohe Alter blieb er seinem Pankower Wohnviertel treu, wo er 2008 im Alter von 101 Jahren starb.
10. Stephan Hermlin
- Lebensdaten: 1915 bis 1997
- Funktion: Schriftsteller und Lyriker
- Pankow-Bezug: wohnte ab 1947 in der Hermann-Hesse-Straße 39 in Niederschönhausen
- Spuren heute: Gedenktafel am Wohnhaus
Stephan Hermlin, mit bürgerlichem Namen Rudolf Leder, gehörte zu den einflussreichsten und zugleich widersprüchlichsten Autoren der DDR. Ab 1947 lebte er in einer Mietvilla in Niederschönhausen, die rasch zu einem Treffpunkt der ostdeutschen Künstlerszene wurde.10
Ein halbes Jahrhundert lang blieb das Haus in der heutigen Hermann-Hesse-Straße sein Lebensmittelpunkt. Eine 2011 enthüllte Gedenktafel erinnert an den Dichter, der die Literatur der DDR über Generationen mitprägte.
11. Christa Wolf

- Lebensdaten: 1929 bis 2011
- Funktion: Schriftstellerin
- Pankow-Bezug: wohnte von 1988 bis zu ihrem Tod 2011 im Haus Amalienpark 7
- Bekannt für: Romane wie Der geteilte Himmel und Kassandra
Christa Wolf war eine der bedeutendsten literarischen Stimmen der DDR und der deutschen Nachkriegsliteratur. 1988 zog sie mit ihrem Mann Gerhard Wolf in das Haus Amalienpark 7 in Pankow, das bis zu ihrem Tod 2011 ihr Lebens- und Arbeitsort blieb.11
In dieser Wohnung entstanden späte Werke wie Medea, Leibhaftig und Stadt der Engel. Eine Gedenktafel am Amalienpark 7 würdigt die Jahre, in denen sie aus dem Pankower Norden heraus schrieb, der für viele lange als Synonym für die DDR-Führungsschicht galt.
12. Nina Hagen

- geboren 1955
- Funktion: Sängerin und Schauspielerin
- Pankow-Bezug: wuchs in Prenzlauer Berg auf
- Bekannt für: ihren Ruf als Godmother of Punk
Nina Hagen kam 1955 in Ost-Berlin zur Welt und wuchs in Prenzlauer Berg auf, wo ihre Mutter, die Schauspielerin Eva-Maria Hagen, lebte. Als Stieftochter Wolf Biermanns geriet sie früh in das Spannungsfeld zwischen Kunst und Staat.12
1976 verließ sie nach Biermanns Ausbürgerung die DDR und wurde im Westen zu einer der prägenden Figuren des Punk und New Wave. Ihre exzentrische Stimme und Bühnenpräsenz machten das Mädchen aus Prenzlauer Berg zu einer international bekannten Künstlerin.
13. Nora Tschirner

- geboren 1981
- Funktion: Schauspielerin und Moderatorin
- Pankow-Bezug: wuchs in Pankow auf und machte am Rosa-Luxemburg-Gymnasium ihr Abitur
- Bekannt für: Kinofilme wie Keinohrhasen und die Weimarer Tatort-Reihe
Nora Tschirner wurde 1981 in Berlin geboren und wuchs mit ihren Brüdern in Pankow auf. Am Rosa-Luxemburg-Gymnasium im Bezirk legte sie im Jahr 2000 ihr Abitur ab und spielte dort bereits in der Theatergruppe der Schule.13
Bekannt wurde sie zunächst als Moderatorin, später als Schauspielerin in erfolgreichen Kinokomödien und als Kommissarin im Weimarer Tatort. Ihre Wurzeln im Pankower Norden hat sie dabei nie verleugnet.
Ausblick
Pankow zeigt, wie eng Glanz und Macht beieinander liegen können. Im selben Bezirk, in dem Käthe Kollwitz das Elend der Arbeiterfamilien zeichnete, ließ sich später eine Staatsführung hinter Mauern nieder, während in den Intelligenzsiedlungen von Niederschönhausen Schriftsteller und Komponisten arbeiteten, deren Verhältnis zu ebendieser Führung zwiespältig blieb.
Wer heute über den Kollwitzplatz, durch den Majakowskiring oder an der Berliner Allee in Weißensee entlanggeht, läuft an Gedenktafeln, Wohnhäusern und Stelen vorbei, die von diesen Biografien erzählen. Die Namen sind geblieben, auch wenn die Häuser längst andere Bewohner haben. Pankow trägt seine Geschichte sichtbar im Stadtbild.