Pankow ist Berlins bevölkerungsreichster Bezirk und zugleich einer seiner widersprüchlichsten. Auf engem Raum treffen barocke Schlossgärten, dichte Gründerzeitquartiere in Prenzlauer Berg, riesige Industrieareale in Wilhelmsruh und weite Felder im ländlichen Norden um Blankenburg und Karow aufeinander. Diese Schichtung aus Landwirtschaft, Eisenbahn, Brauwesen, Schwerindustrie und geteilter Stadt hat eine Dichte an Brachen, Ruinen und vergessenen Orten hinterlassen, wie sie kaum ein anderer Bezirk kennt.
Wir gehen diesen verlorenen Orten nach, vom letzten Rundlokschuppen Deutschlands über stillgelegte Brauereikeller bis zu den Resten der Mauer an der Nordgrenze. Es geht dabei um Geschichte und Spurensuche, nicht ums Erkunden, und ausdrücklich ohne zum Betreten gesperrter oder eingezäunter Areale aufzurufen. Viele dieser Orte lassen sich von öffentlichen Wegen aus erschließen, andere sind längst überbaut oder nur noch in Karten und Erinnerungen greifbar.
Wichtiger Hinweis: Viele der genannten Orte sind Privatgelände, militärische Liegenschaften, Bahnbetriebsflächen oder gesicherte Industriegrundstücke. Das Betreten ist verboten und gefährlich. Dieser Text ist ein historischer Rundgang aus sicherer Entfernung, keine Anleitung zum Urban Exploring.
- 1. Rundlokschuppen Pankow-Heinersdorf
- 2. Güterbahnhof Pankow-Heinersdorf
- 3. Säuglings- und Kinderkrankenhaus Weißensee
- 4. Bötzow-Brauerei
- 5. Brauerei Königstadt
- 6. Stammstrecke der Heidekrautbahn (Wilhelmsruh)
- 7. Bergmann-Borsig-Werk Wilhelmsruh
- 8. Grenzstreifen Wilhelmsruh-Schönholz
- 9. Blankenburger Rieselfelder
- 10. Vergnügungspark Traumland in der Schönholzer Heide
- 11. Gästehaus am Schloss Schönhausen
- 12. Malzbierbrauerei Groterjan
- Ausblick: Was bleibt, was verschwindet
- Quellen
1. Rundlokschuppen Pankow-Heinersdorf

- Lage: Bahnbetriebswerk zwischen Pankow und Heinersdorf, an der Prenzlauer Promenade
- Erbaut: 1893 durch die Königliche Eisenbahndirektion
- Status: denkmalgeschützt, stark ruinös, Drehscheibe erhalten
- Highlight: letzter erhaltener Rundlokschuppen Deutschlands neben Rummelsburg
Der 1893 errichtete Rundlokschuppen besaß 24 Stände, die über eine zentrale Drehscheibe angefahren wurden, und galt als einer der letzten Bauten seiner Art im Deutschen Reich. Nach dem Ende des Güterverkehrs 1997 verfiel das mächtige Backsteinrund mit seiner Stahlkuppel zusehends, Dächer brachen ein, Fenster zerbarsten, Birken wuchsen aus dem Mauerwerk.1
Heute ist der Schuppen das eindrucksvollste Industrierelikt im Bezirk, eingezäunt und schwer beschädigt. 2019 verpflichtete das Verwaltungsgericht den Eigentümer zu Notsicherungen am Denkmal, doch im Zuge des geplanten Quartiers Pankower Tor ist sein langfristiger Erhalt umstritten.
2. Güterbahnhof Pankow-Heinersdorf

- Lage: rund 240.000 Quadratmeter zwischen den S-Bahnhöfen Pankow und Heinersdorf
- In Betrieb: 1893 bis 1997
- Heute: weitgehend geräumte Brache, Planungsgebiet Pankower Tor
- Zugang: von der Berliner und Granitzstraße aus einsehbar
Der Güter- und Rangierbahnhof Pankow-Heinersdorf war einst einer der größten Umschlagplätze für Lebensmittel und Baustoffe in Berlin. Mit der Schließung 1997 endete der Bahnbetrieb, und ab 2007 rollten die Abrissbagger an, um Gleise, Brücken und Hochbauten zu beseitigen.2
Seither liegt das riesige Areal über weite Strecken brach, von Pioniervegetation überzogen und nur von wenigen denkmalgeschützten Resten markiert. Auf dem Gelände soll mit dem Pankower Tor ein neues Stadtquartier mit rund 2.000 Wohnungen entstehen, doch bis zur Bebauung bleibt es eine der größten innerstädtischen Brachen Berlins.
3. Säuglings- und Kinderkrankenhaus Weißensee

- Lage: Hansastraße in Weißensee
- Erbaut: 1909 bis 1911 nach Plänen von Carl James Bühring
- Geschlossen: 1997
- Status: denkmalgeschützt, ruinös, mehrfach durch Brände beschädigt
1911 als erstes kommunales Säuglings- und Kinderkrankenhaus Preußens eröffnet, war die Anlage ein Modellprojekt gegen die hohe Kindersterblichkeit. Zur Eröffnung gehörten ein Hauptbau, ein Hörsaalgebäude, ein Isolierpavillon, ein Verwaltungsbau und weitere Nebengebäude im Pavillonstil.3
1997 schloss der Senat die Klinik aus Kostengründen, seither steht das denkmalgeschützte Ensemble leer. Geplante Nachnutzungen scheiterten, stattdessen verfiel die Anlage, wurde mehrfach beschädigt und 2020 brannte ein Dachstuhl aus. Damit zählt sie zu den bekanntesten verlassenen Orten im Bezirk.
4. Bötzow-Brauerei

- Lage: Prenzlauer Allee in Prenzlauer Berg
- In Betrieb: ab 1885 an diesem Standort, Braubetrieb bis 1949
- Heute: denkmalgeschütztes Ensemble, schrittweise saniert
- Highlight: Gewölbekeller und historische Sudhäuser
Die 1864 gegründete Bötzow-Brauerei war zeitweise die größte Privatbrauerei Norddeutschlands. Auf dem Areal an der Prenzlauer Allee entstanden Sudhäuser, Maschinenhallen und tiefe Gewölbekeller, dazu ein Biergarten für tausende Gäste.4
Nach den Kriegszerstörungen wurde der Braubetrieb 1949 eingestellt, die Gebäude dienten als Lager und standen nach der Wende über Jahrzehnte weitgehend leer und überwuchert. Seit den 2010er Jahren wird das denkmalgeschützte Ensemble schrittweise zu einem Gewerbe- und Kulturquartier umgebaut.
5. Brauerei Königstadt

- Lage: Saarbrücker Straße in Prenzlauer Berg
- In Betrieb: 1851 bis 1921
- Heute: Gewerbehof mit Werkstätten und Ateliers
- Highlight: ausgedehnte unterirdische Lagerkeller
Auf einem ehemaligen Windmühlenberg entstand ab 1849 eine bayerische Bierbrauerei, die ab 1871 als Brauerei Königstadt AG zu einem Großbetrieb wuchs und zu den führenden Brauereien der Reichshauptstadt zählte. Unter dem Gelände erstrecken sich weitläufige Lagerkeller, von denen ein Teil später als Tiefgarage genutzt wurde.5
1921 übernahm die Kindl-Brauerei den Betrieb und legte das Brauen an der Saarbrücker Straße still. Die denkmalgeschützten Backsteinbauten überstanden Krieg und DDR-Zeit und werden heute von einem Gewerbehof mit Handwerk, Ateliers und Veranstaltungsräumen genutzt.
6. Stammstrecke der Heidekrautbahn (Wilhelmsruh)

- Lage: ab S-Bahnhof Wilhelmsruh Richtung Norden
- Stillgelegt: 1961 mit dem Mauerbau für den Personenverkehr
- Status: Reaktivierung im Programm i2030 im Bau
- Highlight: jahrzehntelang verwachsene Bahntrasse am alten Grenzverlauf
Die Stammstrecke der Heidekrautbahn führte seit 1901 von Wilhelmsruh über Schildow nach Basdorf. Mit dem Mauerbau 1961 musste der Personenverkehr auf diesem Abschnitt abrupt eingestellt werden, weil die Strecke die Sektorengrenze querte, und die Trasse verschwand über Jahrzehnte unter Gebüsch und Bäumen.6
Erst im Rahmen des Infrastrukturprogramms i2030 wird die alte Stammstrecke wieder hergerichtet, seit 2024 entsteht in Wilhelmsruh ein neuer Regionalbahnsteig. Wer dem ehemaligen Bahndamm folgt, läuft entlang einer Linie, die ein halbes Jahrhundert lang totes Gleis und Grenzland zugleich war.
7. Bergmann-Borsig-Werk Wilhelmsruh

- Lage: rund um die Kurze Straße in Wilhelmsruh, heute PankowPark
- Erbaut: ab 1906 durch die Bergmann Elektricitäts-Werke
- In Betrieb: als VEB Bergmann-Borsig bis 1989, danach stark verkleinert
- Heute: denkmalgeschützte Hallen im Gewerbepark, teils leerstehend
Ab 1906 errichtete Sigmund Bergmann auf einem 76.000 Quadratmeter großen Gelände bei Wilhelmsruh ein großes Elektrizitätswerk. In der DDR wurde daraus der VEB Bergmann-Borsig, Stammbetrieb des Kombinats Kraftwerksanlagenbau, der 1989 noch tausende Menschen beschäftigte.7
Nach der Wende schrumpfte die Produktion drastisch, viele der historischen Backsteinhallen verloren ihre Funktion. Auf dem Areal entstand der PankowPark, einer der größten Gewerbestandorte Berlins, doch zwischen den genutzten Flächen stehen noch immer denkmalgeschützte Industriehallen, deren Hochbauten an die einstige Schwerindustrie erinnern.
8. Grenzstreifen Wilhelmsruh-Schönholz

- Lage: Nordwestgrenze des Bezirks zwischen Wilhelmsruh und Reinickendorf
- In Betrieb: Grenzanlagen 1961 bis 1990
- Heute: Mauerreste, Gedenkkreuze, alter Grenzverlauf
- Zugang: öffentliche Wege entlang der ehemaligen Trasse
Entlang der Nordwestgrenze des Bezirks verlief von 1961 bis 1990 die Berliner Mauer, mit Hinterlandmauer, Postenwegen und Wachtürmen. Am S-Bahnhof Wilhelmsruh trennte die Grenze die Gleise vom Bergmann-Borsig-Werk, an der Klemkestraße wurde 1962 der 19-jährige Horst Frank bei einem Fluchtversuch erschossen.8
Heute zeugen Gedenkkreuze, einzelne Mauerfragmente und der Verlauf von Wegen und Brachflächen vom einstigen Todesstreifen. Ein größeres Stück Hinterlandmauer nahe der Dolomitenstraße fiel allerdings erst 2020 dem Abriss zum Opfer, sodass die Spuren von Jahr zu Jahr schwerer zu lesen sind.
9. Blankenburger Rieselfelder

- Lage: nördlich von Blankenburg Richtung Karow und Malchow
- In Betrieb: ab 1878 als Rieselfelder, bis in die 1970er Jahre
- Heute: Brache, Kleingärten, Acker und Erholungsfläche
- Zugang: über Feldwege wie den Lindenberger Weg
Ab 1878 ließ Berlin nach den Plänen von James Hobrecht rund um Blankenburg ausgedehnte Rieselfelder anlegen, auf denen das Abwasser der wachsenden Stadt verrieselt und zugleich landwirtschaftlich genutzt wurde. Über Jahrzehnte prägten Rieseltafeln, Gräben und Pumpenhäuser die weite, flache Landschaft im Norden des Bezirks.9
Mit dem Ausbau zentraler Klärwerke wurde der Rieselbetrieb bis in die 1970er Jahre eingestellt, die belasteten Böden blieben zurück. Heute durchziehen Feldwege, Kleingärten und Brachen das Gebiet, das als Planungsraum Blankenburger Süden für künftige Wohnbebauung diskutiert wird.
10. Vergnügungspark Traumland in der Schönholzer Heide

- Lage: Schönholzer Heide bei Niederschönhausen
- In Betrieb: Vergnügungsstätten ab dem 19. Jahrhundert, Traumland in den 1930ern
- Status: vollständig verschwunden, Gedenkort
- Highlight: einst größter Vergnügungspark Berlins mit der Achterbahn Himalaya
In der Schönholzer Heide vergnügten sich seit dem 19. Jahrhundert Berliner Ausflügler, rund um 1936 entstand hier mit dem Traumland der größte Vergnügungspark der Stadt. Zu den Attraktionen zählten die 18 Meter hohe Achterbahn Himalaya, ein Riesenrad, eine Wasserrutsche und die Miniaturwelt Traumstadt Liliput.10
Mit Kriegsbeginn endete der Rummel, an seiner Stelle errichteten die Nationalsozialisten eines der größten Zwangsarbeiterlager Berlins. Vom Traumland ist heute nichts mehr zu sehen, das Gelände hinter dem Sportplatz an der Hermann-Hesse-Straße ist Wald und Erinnerungsort zugleich.
11. Gästehaus am Schloss Schönhausen

- Lage: Schlosspark Schönhausen in Niederschönhausen
- Erbaut: 1966 bis 1968 als Appartementhaus der DDR-Regierung
- In Betrieb: Unterkunft für Staatsgäste bis 1989
- Heute: denkmalgeschützt, nach Leerstand zu Wohnungen umgebaut
Im westlichen Teil des Schlossparks Schönhausen entstand zwischen 1966 und 1968 ein modernes Appartementhaus, das Personal, Minister und Begleitungen der Staatsgäste der DDR-Regierung beherbergte. Der Bau in der Formensprache der Ostmoderne lag abgeschirmt im Grünen, nahe dem Schloss, das zuvor Amtssitz von Wilhelm Pieck gewesen war.11
Nach 1989 stand das Gebäude leer und wurde zum Schandfleck im Park, Vandalismus und Verfall setzten dem Denkmal über Jahre zu. Erst zwischen 2011 und 2013 wurde es saniert und zu Wohnungen umgebaut, sodass die Phase als verlassener DDR-Bau heute nur noch in Fotos greifbar ist.
12. Malzbierbrauerei Groterjan

- Lage: Milastraße in Prenzlauer Berg
- Erbaut: Wohn- und Geschäftshaus mit Festsaal 1905 bis 1907
- Status: denkmalgeschützt, nach langem Leerstand wieder genutzt
- Highlight: monumentaler Festsaal hinter der Gründerzeitfassade
Der Malzbierbrauer Christian Groterjan ließ zwischen 1905 und 1907 an der Milastraße ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus mit Restaurant, einem Festsaal für über tausend Gäste, Kegelbahn und Biergarten errichten. Die spätere Villa Groterjan war Aushängeschild einer der größten Berliner Malzbierbrauereien.12
Der eigentliche Braubetrieb wurde früh an die Prinzenallee verlagert, der Festsaal verlor seine Funktion und stand lange weitgehend ungenutzt. Nach Jahren des Leerstands wurde das denkmalgeschützte Ensemble wiederbelebt und beherbergt heute unter anderem Gastronomie und kulturelle Nutzungen.
Ausblick: Was bleibt, was verschwindet
Viele dieser Orte in Pankow sind im Wandel. Einige werden saniert und umgenutzt, andere überbaut, wieder andere holt sich die Natur zurück. Der Reiz des Verfalls ist meist nur eine Phase, bevor ein Ort entweder verschwindet oder ein zweites Leben beginnt.
Wer diese Spuren lesen will, hat dafür oft nur ein begrenztes Zeitfenster. Was bleibt, sind die Schichten der Geschichte unter den neuen Quartieren, eingelagert in Straßennamen, Bahndämmen, Mauerresten und einzelnen Gebäuden, die man weiterhin entziffern kann.