Links ein Sportplatz, rechts eine Schießanlage für Sportschützen. Betritt man die Schönholzer Heide in Pankow, so ist man sogleich umgeben von altem Baumbestand, weitläufigen Rasenflächen und dichtem Gebüsch. Vor allem die knorrigen, uralten Platanen, die an Urwaldriesen erinnern, laden ein, einen Moment zu verweilen.
Gut getarnt von Bäumen und sattem Grün, erblickt man gleich am Eingang ein graues, halbmondförmiges Gebilde, besprüht mit bunten Graffiti. An trüben Tagen oder in den Wintermonaten kann das Gebäude aus Beton recht unheimlich wirken. Neuerdings wird es von einem hohen Zaun umgeben. Hinweistafeln informieren den Besucher darüber, dass es sich bei dem Bauwerk um den „Luna-Bunker" handelt.1
„Luna" und Bunker? Der Widerspruch klärt sich bald auf, liest man auf den aufgestellten Hinweistafeln. Der „Luna-Bunker" ist ein Hochbunker; einst von den Nationalsozialisten als Vorbereitung für den Krieg erbaut. Wie aber kommt ein düsterer Weltkriegsbunker zu dem eher heiteren Namen „Luna"?

Das Traumland Schönholzer Heide
Der Vorläufer des „Luna-Parks" in Pankow war ein großer Vergnügungspark am Westberliner Halensee. Nach seiner Schließung suchten die Schausteller nach einem neuen Festplatz. Pankow bot sich an: ein weitläufiges, ungenutztes Gelände, die Schönholzer Heide. Von der Berliner Schützengilde mieteten die Schausteller ein großes Areal, und das „Traumland Schönholzer Heide" war geboren.
„Menschen, Tiere, Sensationen", so lautete die Devise. Es gab Wasserrutschen, ein Riesenrad, Tanzpavillons, ein Varieté und die „Traumstadt Liliput". Die Hauptattraktion war die 18 Meter große „Himalaya-Bahn". Der Vergnügungspark wurde zu einem der größten seiner Art in Berlin. Legendär waren die Saufgelage in der „Bayernhalle" und die Ochsenbraterei, wo ganze Ochsen am Spieß gedreht wurden. Die Restauration „Thielmanns Festsäle" an der Straße vor Schönholz war äußerst beliebt; hier wurde „jeschwoooft" bis in die frühen Morgenstunden.
Auch das Berliner Schwanklied über „Bolle" ist untrennbar mit der Schönholzer Heide verbunden. Es gibt ihm eine lebhafte Stimme und schildert, wie es im Vergnügungspark früher zuging:2
Bolle reiste jüngst zu Pfingsten,
Nach Pankow war sein Ziel;
Da verlor er seinen Jüngsten
Janz plötzlich in Jewühl;
Ne volle halbe Stunde
Hat er nach ihm jespürt.
Aber dennoch hat sich Bolle
Janz köstlich amüsiert.Auf der Schönholzer Heide,
Da jab´s ´ne Keilerei
Und Bolle, jar nicht feige,
War mittenmang dabei.
Hat´s Messer rausgezogen
Und fünfe massakriert.
Aber dennoch hat sich Bolle
Janz köstlich amüsiert.

Das Traumland wird zum Alptraum
Doch das Vergnügen währte nicht lange. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges schlossen die Nationalsozialisten den Luna-Park. Von 1940 bis 1945 entstand an seiner Stelle das zweitgrößte Zwangsarbeiterlager Berlins. Hier fristeten Menschen aus Polen, der Sowjetunion, Kroatien, Frankreich und anderen Nationen ihr Dasein. Sie mussten unter anderem für die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken AG in Reinickendorf und die nahegelegenen Bergmann-Elektrizitätswerke Zwangsarbeit leisten.
Die Arbeiterinnen und Arbeiter wurden anfangs zwischen Autoscootern und Karussells in Baracken untergebracht. Ein zwei Meter hoher Stacheldrahtzaun schloss das Lager ein. Die Schicksale der Inhaftierten berühren noch heute. So schrieb Stanislawa B., Zwangsarbeiterin und Bewohnerin des Luna-Lagers, am 5. Dezember 1942:
„Bei uns [in Schönholz] hat sich viel verändert, sehr viel. Ich selbst fühle, dass ich versteinere. Ich gehe zur Arbeit Tag für Tag, obwohl ich mich zeitweilig ohne Kräfte fühle. Wenn ich mich zu Bett lege, schließe ich die Augen, sehe alles wie durch eine Wolke und bringe alle meine Lieben näher an mich."
(Zitat aus einer Hinweistafel in der Schönholzer Heide)
Mangelnde Ernährung, harte körperliche Arbeit und der unzureichende Schutz vor Bombenangriffen führten zu zahlreichen Todesfällen. Zwischen 1942 und 1945 starben in dem Lager über 100 Menschen, darunter 12 Säuglinge und Kleinkinder. Sie wurden auf unterschiedlichen Berliner Friedhöfen beigesetzt. Nicht weit vom Bunker entfernt kann der Besucher der Schönholzer Heide heute einen von 28 Begräbnisplätzen für die Opfer von Gewaltherrschaft und Krieg besuchen. Erst ab dem Jahr 2000 konnten ehemalige Zwangsarbeiter eine Entschädigung in Berlin beantragen.
Nachdem die Rote Armee 1945 die Zwangsarbeiter befreit hatte, wurden die Lagerbaracken als Unterkünfte für sowjetische Soldaten genutzt. Der „Luna-Bunker" wurde zum „Kartoffelbunker" umfunktioniert und diente fortan als kühler Lagerraum für Lebensmittel.
Champignons für Ostberlin
Viele Hoch- und Tiefbunker in der ehemaligen Reichshauptstadt wurden nach dem Krieg gesprengt, nicht jedoch der „Luna-Bunker". Er wurde halb verfüllt offen gelassen, vermutlich von der NVA als Nachrichtenbunker genutzt. Gesichert ist allerdings, dass es erfolglose Versuche gab, im Bunker Champignons zu züchten. Noch heute zeugen verfallene Heizungsanlagen von diesem Experiment.
In den 1950er Jahren wollte die Ratsversammlung von Pankow die Schönholzer Heide als Vergnügungs- und Erholungsort reaktivieren. Zuvor hatte man 1949 jenseits der Germanenstraße ein zweites Sowjetisches Ehrenmal errichtet, auf dem 13.200 sowjetische Soldaten ruhen. Die Präsenz der Kriegsgräberstätten und die unmittelbare Nähe zur Westberliner Grenze ließen eine Wiederbelebung als Amüsierort scheitern.
Nach der Wende
Immer mehr Menschen erkannten nach 1990 den Charme des Bezirks Pankow. Das Wohngebiet hinter dem S-Bahnhof Wollankstraße bewahrte seinen Ostcharme, war aber verkehrstechnisch gut erschlossen und bot gerade für junge Familien einen großen Anreiz. Die Schönholzer Heide ist heute wieder ein beliebtes Ausflugsziel: Jogger, Familien und Kita-Gruppen zieht es in das weitläufige Areal mit Naturlehrpfad, Liegewiesen, Abenteuerspielplatz und Fußballplatz. Südlich der Gedenkstätte für die gefallenen sowjetischen Soldaten ist eine riesige Platane als Naturdenkmal ausgewiesen.

Fledermäuse als neue Bewohner
Während der Corona-Zeit fanden in dem ehemaligen Schutzraum illegale Partys statt, bei denen auch Stromaggregate zum Einsatz kamen.3 Auch das ist heute Vergangenheit. „Myotis daubentonii" und „Plecotus auritus" heißen die neuen Nutzer des „Luna-Bunkers": die Wasserfledermaus und die Braune Langohrfledermaus haben das alte Gemäuer schon vor Jahren als Überwinterungsort erkoren. Hinweistafeln des Naturschutzbundes erklären Naturfreunden, wie sie die Tiere schützen können. Ein hoher Zaun umschließt nun den alten Kriegsbunker zum Schutze der Natur in Friedenszeiten.
Dem österreichischen Aphoristiker Gerald Dunkl wird das Zitat zugeschrieben: „Nach jedem Krieg fragen die Menschen, wozu er gut war. Warum stellen sie diese Frage nicht schon vorher?"