Wer im Schlosspark Niederschönhausen unter den alten Platanen steht, blickt auf ein Barockschloss, in dem schon eine preußische Königin residierte und später der erste und einzige Präsident der DDR seinen Amtssitz hatte. Wenige Kilometer südlich, im Prenzlauer Berg, türmen sich die Mietskasernen einer der dichtesten Arbeiterviertel Europas, und in Weißensee liegt der größte jüdische Friedhof des Kontinents.
Pankow ist kein einzelnes Dorf mit gerader Linie, sondern ein Bezirk aus drei sehr verschiedenen Welten, die erst 2001 zu einer verschmolzen. Diese Chronik führt vom Pfarracker des Jahres 1230 über das Residenzschloss und die Brauereihöfe bis zum heutigen Pankow, dem einwohnerstärksten Bezirk Berlins.
- 1230: Ein Pfarracker an der Panke
- 1691: Schloss Schönhausen und die Hohenzollern
- Ab 1800: Pankow als Sommerfrische der Berliner
- Ab 1860: Prenzlauer Berg, Mietskasernen und Brauereien
- 1880: Der jüdische Friedhof Weißensee
- 1920: Pankow wird Berliner Bezirk
- Ab 1933: NS-Zeit, Verfolgung und Zwangsarbeit
- Ab 1949: Sitz der DDR-Staatsführung
- 1989: Friedliche Revolution im Prenzlauer Berg
- 2001: Drei Bezirke werden Pankow
- Ausblick: Wachstum und Zukunft
- Quellen
1230: Ein Pfarracker an der Panke
Die Geschichte Pankows beginnt mit einem kleinen Fluss und einem Stück Land für einen Geistlichen. Den Namen gab das Flüsschen Panke, an dessen Lauf deutsche Siedler im frühen 13. Jahrhundert ein Angerdorf anlegten. Erstmals greifbar wird der Ort 1230, als die Pfarrkirche zu Pankow mit vier Hufen Land für den Unterhalt des Priesters ausgestattet wurde.1
Als eigene Ortschaft erscheint Pankow dann 1311 in einer markgräflichen Urkunde. Das Landbuch Kaiser Karls IV. verzeichnete 1375 für das Dorf 42 Hufen, davon vier Pfarrhufen, und einige Bauernstellen. Es war ein typisches märkisches Angerdorf, dessen Grundstruktur mit der Kirche in der Mitte bis heute am alten Anger erkennbar ist.2
Über Jahrhunderte blieb Pankow ein unscheinbares Bauerndorf im Niederbarnim, weit vor den Toren der Doppelstadt Berlin und Cölln. Erst die Nähe zur wachsenden Residenz sollte seine Geschichte verändern.3
1691: Schloss Schönhausen und die Hohenzollern
Vom Gutshaus zum kurfürstlichen Besitz
Im benachbarten Niederschönhausen ließ die Gräfin Sophie Theodore zu Dohna-Schlobitten nach 1662 ein Herrenhaus errichten. 1691 kaufte der brandenburgische Kurfürst Friedrich III., der spätere preußische König Friedrich I., das Anwesen. Von da an blieb Schönhausen bis 1918 im Besitz der Hohenzollern.4
Die verbannte Königin
Seine heutige Gestalt verdankt das Schloss Königin Elisabeth Christine, der Gemahlin Friedrichs des Großen. Nach seinem Regierungsantritt 1740 ließ der König seine Frau weitgehend aus seinem Leben heraushalten und wies ihr Schönhausen als Sommerresidenz zu. Von 1740 bis zu ihrem Tod 1797 verbrachte die Königin hier die warmen Monate und prägte Schloss und Schlosspark.5
Ein Schloss, drei Epochen
Schloss Schönhausen ist einer der wenigen Orte Berlins, an dem sich preußische Monarchie, NS-Diktatur und DDR überlagern. Erst Sommersitz einer Königin, dann Depot für beschlagnahmte Kunst, schließlich Amtssitz des DDR-Präsidenten. Heute ist es ein Museum der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.
Ab 1800: Pankow als Sommerfrische der Berliner
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckten die Berliner Pankow und Niederschönhausen als Ausflugs- und Erholungsort. Die Lage an der Panke, viel Grün und die Nähe zum Schlosspark machten die Dörfer im Norden zur beliebten Sommerfrische der Hauptstädter.6
Gegen Ende des Jahrhunderts entstanden hier villenartige Sommersitze für Bankiers, Fabrikanten, Ärzte und Künstler, daneben zahlreiche Schrebergärten für Arbeiterfamilien. Niederschönhausen erhielt seinen bis heute prägenden Charakter aus Villen und Landhäusern. Wie sich aus diesen Dörfern die heutigen Ortsteile entwickelten, lässt sich an den alten Straßenzügen noch ablesen.7
1854 nahm ein Pferdeomnibus regelmäßigen Verkehr Richtung Berlin auf, 1895 fuhr auf der Wollankstraße die erste elektrische Straßenbahn. Pankow rückte näher an die Großstadt heran, ohne seinen ländlichen Reiz sofort zu verlieren.8
Ab 1860: Prenzlauer Berg, Mietskasernen und Brauereien
Ganz anders verlief die Entwicklung im Süden des heutigen Bezirks. Mit der Industrialisierung strömten ab Mitte des 19. Jahrhunderts Zehntausende vom Land nach Berlin. Vor den Toren der Stadt, auf dem Prenzlauer Berg, entstand eines der am dichtesten bebauten Arbeiterviertel Europas.9
Nach dem Hobrecht-Plan von 1862 wuchsen ganze Straßenzüge fünfgeschossiger Mietskasernen mit Vorderhaus, Seitenflügeln und mehreren Hinterhäusern. In den engen Höfen lebte die Arbeiterbevölkerung auf kleinstem Raum, oft teilten sich Schichtarbeiter dieselbe Schlafstelle.10
In den Hinterhöfen und Kellern lebte die Arbeiterbevölkerung auf engstem Raum, ganze Familien auf wenigen Quadratmetern.
Zugleich wurde der Prenzlauer Berg zum bedeutendsten Brauereistandort der Stadt. Die kühlen Keller am Hang eigneten sich zur Lagerung von Bier, und so reihten sich Betriebe wie der Pfefferberg, die Königstadt-Brauerei, Bötzow und Schultheiß aneinander. Die rasch wachsende Bevölkerung dieses Viertels prägt die heutigen Einwohnerzahlen des Bezirks bis in die Gegenwart.11
Auch im alten Pankow zog Industrie ein. 1906 verlegte die Zigarettenfabrik J. Garbáty ihren Betrieb an die Berliner Straße, 1907 entstanden in Wilhelmsruh die Bergmann-Elektrizitätswerke. Um 1910 zählte Pankow bereits rund 45.000 Einwohner.12
1880: Der jüdische Friedhof Weißensee
Im Osten des heutigen Bezirks entstand 1880 ein Ort von europaweiter Bedeutung. Weil der jüdische Friedhof an der Schönhauser Allee nicht mehr ausreichte, weihte die Jüdische Gemeinde zu Berlin am 9. September 1880 in Weißensee einen neuen Begräbnisplatz ein.13
Den Wettbewerb für die Gestaltung gewann der Architekt Hugo Licht. Auf rund 42 Hektar entstanden im Lauf der Jahrzehnte etwa 116.000 Grabstellen, dazu zahlreiche Mausoleen und Erbbegräbnisse. Der Jüdische Friedhof Weißensee gilt als der größte jüdische Friedhof Europas.14
Hier ruhen viele bekannte Berliner, darunter der Maler Lesser Ury, der Komponist Louis Lewandowski, der Verleger Rudolf Mosse und der Warenhausgründer Oscar Tietz. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Anlage vergleichsweise unbeschädigt, anders als fast alle anderen Zeugnisse jüdischen Lebens in Berlin.15
1920: Pankow wird Berliner Bezirk
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz vom 27. April 1920 wurde aus den selbständigen Landgemeinden des Nordens am 1. Oktober 1920 der 19. Verwaltungsbezirk Berlins gebildet. Er erhielt nach seinem einwohnerstärksten Ort den Namen Pankow.16
Zum neuen Bezirk gehörten neben Pankow die Gemeinden Niederschönhausen mit Schönholz und Nordend, Blankenburg, Blankenfelde, Buch, Buchholz, Heinersdorf, Karow, Rosenthal und Wilhelmsruh. Rund 140.000 Menschen lebten zu diesem Zeitpunkt im Gebiet.17
Prenzlauer Berg war eigenständig
Das dicht bebaute Arbeiterviertel Prenzlauer Berg wurde 1920 ein eigener Bezirk und nicht Teil Pankows. Auch Weißensee bildete einen separaten Bezirk. Erst 81 Jahre später, im Jahr 2001, wuchsen die drei zum heutigen Großbezirk Pankow zusammen.
Ab 1933: NS-Zeit, Verfolgung und Zwangsarbeit
Die Arisierung der Fabrik Garbáty
Die nationalsozialistische Verfolgung traf auch Pankow mit voller Härte. Die Zigarettenfabrik J. Garbáty an der Berliner Straße war das größte Industrieunternehmen des Ortsteils und gehörte der jüdischen Familie Garbáty-Rosenthal. 1938 wurde der gesamte Betrieb im Zuge der sogenannten Arisierung zwangsweise an eine Kölner Unternehmensgruppe verkauft.18
Die Familie verlor ihren gesamten Berliner Besitz von rund 45.000 Quadratmetern und verließ im Dezember 1938 Deutschland in Richtung Amerika. Der hochbetagte Firmengründer Josef Garbáty blieb in seiner Villa zurück und starb dort im Juni 1939.19
Ein Schloss als Kunstdepot
Schloss Schönhausen diente in der NS-Zeit als Depot für die als "entartet" diffamierte und aus deutschen Museen beschlagnahmte Kunst. Ein Teil dieser Werke wurde von dort aus ins Ausland verkauft, um Devisen für das Regime zu beschaffen.20
In den Rüstungs- und Zulieferbetrieben des Bezirks kamen während des Krieges auch Zwangsarbeiter zum Einsatz. Beim Vormarsch der Roten Armee fiel das Gebiet des heutigen Pankow Ende April 1945. Schloss Schönhausen überstand den Krieg weitgehend unbeschädigt.21
Ab 1949: Sitz der DDR-Staatsführung
Nach 1945 lag Pankow im sowjetischen Sektor und gehörte ab 1949 zu Ost-Berlin und zur DDR. Damit begann das vielleicht ungewöhnlichste Kapitel seiner Geschichte. Mit der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 wurde Schloss Schönhausen Amtssitz von Wilhelm Pieck, dem ersten und einzigen Präsidenten der DDR. Von 1949 bis 1960 residierte er hier.22
Das Regierungsstädtchen am Majakowskiring
Rund um den Majakowskiring in Niederschönhausen ließ die SED-Führung ab 1949 ein abgeschirmtes Wohnviertel für die Spitze des Staates einrichten. Hinter einem Bretterzaun wohnten hier unter anderem Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Walter Ulbricht und zeitweise Erich Honecker. Im Volksmund hieß die Anlage schlicht das "Städtchen".23
Nach dem ungarischen Aufstand von 1956 fürchtete die Führung Unruhen in der dicht besiedelten Umgebung und ließ ab 1960 die abgeschiedene Waldsiedlung bei Bernau errichten, später bekannt als Wandlitz. Schloss Schönhausen wurde danach Sitz des Staatsrates und ab 1964 Gästehaus der DDR-Regierung, in dem Staatsgäste wie Fidel Castro und Indira Gandhi empfangen wurden.24
Im Westen wurde "Pankow" in den Jahren der Teilung zum spöttischen Synonym für die gesamte DDR-Führung, obwohl die zentralen Regierungsgebäude längst in Berlin-Mitte standen.25
1989: Friedliche Revolution im Prenzlauer Berg
Während Niederschönhausen für die Macht stand, wurde der Prenzlauer Berg zu einem Zentrum der Opposition. In den 1970er und 1980er Jahren sammelten sich hier Umweltgruppen, Künstler und kirchliche Initiativen, die dem SED-Staat zunehmend offen widersprachen.26
Im Herbst 1989 wurde die Gethsemanekirche an der Stargarder Straße zum Brennpunkt der friedlichen Revolution. Vom 2. Oktober 1989 an hielten Bürger dort eine ununterbrochene Mahnwache für politische Gefangene ab. Die Bilder von Verhaftungen vor der Kirche gingen um die Welt.27
Nach dem Mauerfall begann im Prenzlauer Berg eine umfassende Sanierung der verfallenen Altbauquartiere, gefördert mit dreistelligen Millionenbeträgen. Aus dem grauen Arbeiterviertel wurde binnen zweier Jahrzehnte eines der begehrtesten Wohngebiete Berlins, ein Wandel, der bis heute die Mieten im Bezirk nach oben treibt.28
2001: Drei Bezirke werden Pankow
Am 1. Januar 2001 trat die Berliner Bezirksreform in Kraft, die die Zahl der Bezirke von 23 auf 12 verringerte. Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee wurden zu einem einzigen Großbezirk zusammengelegt.29
Der Beschluss war im Abgeordnetenhaus heftig umstritten und kam mit exakt der nötigen Zweidrittelmehrheit zustande. Auch über den Namen wurde gestritten: Viele Bewohner des Prenzlauer Bergs wollten sich nicht unter dem Namen "Pankow" wiederfinden. Am Ende setzte sich der Kurzname Pankow durch.30
Der neue Bezirk vereinte das innerstädtische Szeneviertel mit den grünen Außenortsteilen und reicht heute vom nördlichsten Punkt Berlins bis fast an die Torstraße. Mit dieser Fläche und Bevölkerung wurde Pankow zum einwohnerstärksten Bezirk der Stadt, was sich auch in der Statistik deutlich niederschlägt.31
Ausblick: Wachstum und Zukunft
Pankow wächst weiter, und das schneller als die meisten anderen Bezirke. Im Norden entstehen auf ehemaligen Acker- und Rieselfeldern neue Stadtquartiere. Besonders rund um Buch, Karow und das geplante Quartier Blankenburger Süden sollen in den kommenden Jahren tausende Wohnungen gebaut werden, um dem anhaltenden Zuzug zu begegnen.32
Mit dem Wachstum steigen die Anforderungen an Schulen, Verkehr und Nahversorgung. Die Verlängerung der Straßenbahn nach Pankow und neue S-Bahn-Anbindungen im Norden gehören zu den großen Verkehrsthemen, und der Preisdruck verändert die Lebenshaltungskosten im gesamten Bezirk.33
Was bleibt, sind die Gegensätze, die Pankow ausmachen. Das Barockschloss im Norden, die sanierten Mietskasernen im Süden und der stille Friedhof in Weißensee erzählen von drei sehr verschiedenen Wegen, die hier zu einer gemeinsamen Geschichte zusammengelaufen sind.